Dienstag, 24. September 2019

Jahrmarkttheater wird zum globalen Dorflabor

Bundesmittel für forschende Theaterprojekte gehen in den Landkreis Uelzen

Als nur eines von bundesweit sieben geförderten Theatern erhält das Jahrmarkttheater in Bostelwiebeck Projektmittel aus dem Pilotprojekt „Global Village Labs“, mit dem das Bundesministerium für Kultur und Medien und der Fonds für Darstellende Künste den „wechselseitigen Austausch zwischen Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft“ im ländlichen Raum fördern will, wie es auf der Website heißt.

Freuen sich über die Aufnahme in das Förderprogramm (von links): Andrea Hingst, Anja Imig und Thomas Matschoß vom Jahrmarkttheater. Foto: David Sinkemat
Über die Vorurteile zwischen Land und Stadt wird viel geredet und häufig gelacht. Die Städter sind so, die Dörfler ganz anders, heißt es oft – und nicht selten wird „die Provinz“ in der breiten Debatte despektierlich als zugeknöpft und desinteressiert beschrieben. Dass diese Darstellungen nicht der Wirklichkeit entsprechen, ist der Ansatz des Förderprogramms „Global Village Labs“. Hier werden gezielt Projekte gefördert, die weltoffene und neugierige Perspektiven mit ländlichen Lebenswirklichkeiten verbinden. Wie lässt sich das Leben auf dem Land in einen globalen vielleicht sogar kosmopolitischen Kontext setzen? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Das Jahrmarkttheater in Bostelwiebeck hat mit den „Dorfgedanken“ bereits seit langem ein Projekt, das genau das tut. Ergebnisoffen, aufgeschlossen und immer auf Augenhöhe gehen die Künstler*innen und ihr Publikum in einen Dialog, der größere Themenfelder und lokale Fragestellungen verknüpfen. Zuletzt fand ein Abend im neuen Dorfgemeinschaftshaus Bostelwiebeck statt – zum Thema „Anarchie“. Einen solchen Austausch mit dem Publikum versteht das Jahrmarktheater schon immer auch als Teil seiner künstlerischen, sozialen und politischen Aufgabe, was die Jury auch überzeugt hat. So wird das Theater im Landkreis Uelzen nun als eines von bundesweit nur sieben Theatern für das Projekt „Landkante“ gefördert. Der Titel ist dabei Programm: Was ist eigentlich diese „Kante“, die Stadt und Land voneinander trennt? Warum gibt es sie und woraus besteht sie? Sind die Vorstellungen von der Welt auf dem Land und in der Stadt wirklich so unterschiedlich, wie oft behauptet? Dies ist besonders Andrea Hingst ein Anliegen, die in Hamburg lebt, aber seit zehn Jahren im Jahrmarkttheater arbeitet: „Ich werde häufig mit dem Vorurteil konfrontiert, Theater auf dem Land sei bloße, oberflächliche Unterhaltung. Sobald die Menschen eine unsere Veranstaltungen besuchen, sind sie dann sehr erstaunt, was für Theaterbegegnungen hier möglich sind. 'Landkante' wird diese Begegnungen verstärkt in den Blick nehmen.“ Für die erste Veranstaltung auf der „Landkante“ lädt das Jahrmarkttheater Initiativen und Künstlerinnen und Künstler aus der Region ein zu einer Versammlung der Vielen. In dieser Versammlung sollen bisherige Handlungsmuster in der künstlerischen Tätigkeit selbst ausgetauscht, befragt und verhandelt werden. Die Theatermacherinnen wollen dabei bewusst nicht selbst den Zeigefinger erheben und „wissen, wie es geht“, sondern sich vielmehr der eigenen Verantwortung stellen. Was bedeutet die aktuelle politische Lage für Kulturschaffende? Welche Rolle haben sie und was haben sie selbst zu verantworten? Thomas Matschoß vom Jahrmarkttheater: „Wir freuen uns sehr, dass Bostelwiebeck mit dieser Förderung zu einem 'Global Village' wird.“ Die erste Veranstaltung der „Landkante“ findet Anfang Dezember statt. Die nächste Ausgabe „Dorfgedanken“ findet am 22. Dezember zum Thema „Essen“ in der Hofküche des Hofleben e.V. in Lemgrabe statt.

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