Freitag, 18. September 2020

Ein Ort der Lebenden

Friedhof St. Nicolai in Gifhorn ist jetzt Teil des Netzwerks "Immaterielles Erbe Friedhofskultur"

Der Friedhof St. Nicolai in Gifhorn weist jetzt Besuchende darauf hin, dass die Friedhofskultur zum immateriellen Kulturerbe zählt und als solche unter dem besonderen Schutz der Vereinten Nationen steht. Johann Harms und Karsten Wolpers von der Friedhofsleitung brachten am Freitagmorgen ein entsprechendes Schild am Haupteingang des Friedhofes am Wilscher Weg an, um so auf die wichtige Bedeutung der Friedhofskultur für die Stadt aufmerksam zu machen. Gifhorn ist damit Teil eines bundesweiten Netzwerkes von über 100 Städten, die den diesjährigen Tag des Friedhofes an diesem Sonntag der Ernennung der Friedhofskultur in Deutschland zum immateriellen Kulturerbe widmen.

Friedhofsleiter Johann Harms (links) und sein Stellvertreter Karsten Wolpers brachten am Freitag das Schild an, das auf den Stellenwert der Friedhofskultur als immaterielles Kulturerbe hinweist. Foto: Friedhof St. Nicolai

Bereits im März 2020 hatte die Kultusministerkonferenz auf Empfehlung der Deutschen UNESCO-Kommission diese Ernennung zum immateriellen Kulturerbe beschlossen. Allerdings ging die Auszeichnung im Corona-Lockdown völlig unter, weshalb man jetzt mit der Aktion „Friedhöfe auszeichnen“ auch in Gifhorn auf dieses vielschichtige Kulturerbe aufmerksam macht. „Es sind nicht die Friedhöfe an sich zum immateriellen Kulturerbe ernannt worden“, erläuterte Günter Koch vom Friedhofsausschuss in seiner Ansprache, „sondern die Friedhofskultur, also all das, was Menschen auf dem Friedhof tun.“ Dazu gehöre das Trauern, Erinnern und Würdigen genauso wie das Gestalten, Pflegen und Weiterentwickeln.

„Der Friedhof ist vor allem auch ein Ort der Lebenden“, sagte Koch weiter, „der weit über die persönlichen Trauerrituale hinaus identitätsstiftende Bedeutung für unsere Gesellschaft hat.“ Hervorzuheben sei zum Beispiel die historische Dimension der Denkmäler. Der Kulturraum Friedhof bilde zudem den größten Skulpturenpark der Stadt und sei zugleich Inspirationsfläche für viele Kunstformen. Besonders bedeutsam sei seine soziale Funktion: Der Friedhof erweise sich als Treffpunkt für Familien oder Angehörige und wirke auch sozialer Vereinsamung von Hinterbliebenen entgegen. Das aktiv genutzte Friedhofsmobil leiste hierzu einen nicht mehr verzichtbaren Beitrag.

Nicht zuletzt, so Koch, zeige sich dieser Kulturraum über kulturelle und religiöse Unterschiede hinweg als ein Ort der Integration und des Friedens. Nicht zu vergessen sei die Bedeutung der Friedhöfe für den Naturschutz, zum Beispiel auch als Ort der Biodiversität.

Grundvoraussetzung für die Ernennung der Friedhofskultur in Deutschland zum immateriellen Kulturerbe war für die UNESCO „die Lebendigkeit der kulturellen Ausdrucksform“. „Es geht nicht um ein Mumifizieren unserer Friedhöfe, sagte Koch, sondern um deren zeitgerechte Weiterentwicklung“. So werde man auch in Zukunft Bestattungsformen anbieten, die den Wünschen der Menschen entsprechen wie z.B. naturnah gestaltete oder pflegeleichte oder pflegefreie Grabformen.

Die Auszeichnung des Friedhofes St. Nicolai hat das „Kuratorium Immaterielles Erbe Friedhofskultur“ initiiert, das sich der Pflege und Weiterentwicklung dieses Kulturerbes verschrieben hat. Auf seiner Seite www.kulturerbe-friedhof.de finden sich umfangreiche Informationen über die Friedhofskultur in Deutschland, die Ernennung zum immateriellen Kulturerbe und deren Bedeutung für die Gesellschaft.


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