Freitag, 2. November 2018

Zuflucht in einer „ungastlichen Hütte“

Museumsdorf Hösseringen ist Drehort für einen Film über die Hugenottenvertreibung

Dreharbeiten im Museumsdorf. Fotos: Christine Kohnke-Löbert

„Ruhe bitte, wir drehen“, ruft es neben dem Hofschafstall am Brümmerhof. Der Tontechniker dreht ein paar Knöpfe, große Scheinwerfer flammen auf – und Anja Antonowicz und Isabelle Barth alias Susanne Loyal und Mechthild Vogel treten aus der Seitentür des Schafstalles, um an einem großen Holztisch Platz zu nehmen. Ein Gespräch bahnt sich an, über Verfolgung, Vertreibung und die Schwierigkeiten, eine neue Heimat zu finden. Es ist Drehtag im Museumsdorf Hösseringen, das zurzeit Winterpause hat: Die Gebrüder Beetz Film Produktion ist mit ihrem Team mehrere Tage lang im Museumsdorf zu Gast und arbeitet im Auftrag von NDR und ARTE an einem Film über die Verfolgung der Hugenotten im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Narrative Seuqenzen werden hierbei mit einem dokumentarischen Teil kombiniert. „Im Fokus steht das Schicksal der Familie Loyal, die es nach der Flucht aus Frankreich zunächst nach Brandenburg, dann nach Ostpreußen verschlägt“, erzählt Regisseurin Saskia Weisheit. Sie ist für den filmischen Teil zuständig und kann vielfältige Erfahrungen mit Motiven aus der Geschichte einbringen. „Historische Themen sind mein Steckenpferd“, sagt sie, bleibt in der Aufbereitung aber nicht in der Vergangenheit verhaftet: „Es ist auch ein sehr modernes Thema mit vielen Parallelen zu den Schicksalen von heutigen Flüchtlingen. Es ist spannend, wie sich die Geschichte wiederholt“.
Der Film erzählt das Schicksal der Familie Loyal, die als Anhänger des Protestantismus – sogenannte Hugenotten – im 16. und 17. Jahrhundert in Frankreich drangsaliert und unterdrückt werden. Die Verfolgungen erreichen unter Ludwig XIV. um 1685 einen Höhepunkt, der eine Fluchtwelle von mehr als 200.000Menschen innerhalb Europas, aber auch nach Übersee, auslöst. In der Lüneburger Heide wird der herzogliche Hof in Celle zu einem Sammelbecken für Flüchtlinge, denn Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig hat mit Eleonore d‘Olbreuse selbst eine Frau mit hugenottischen Wurzeln. Doch für viele Menschen ist es schwer, einen sicheren Hafen zu finden. So ergeht es auch der Film-Familie Loyal, die auf der Flucht einen Sohn verliert. Ein zweiter Sohn, gespielt von Chiara Vaziri, überlebt die Flucht. Und so kommt es, dass die neunjährige Chiara am Brümmerhof in Hösseringen geduldig auf ihren Einsatz wartet. „Die Dragoner wollen die Hugenotten vertreiben. Deshalb suchen wir ein neues Zuhause in Deutschland“, erzählt sie. Dieses findet Familie Loyal zeitweise in einer „ungastlichen Hütte“ – wozu der Hofschafstall in Hösseringen umdekoriert wird. Pluderhosen baumeln von einer Wäscheleine, auf Holzfässern sind Schüsseln mit Kohlköpfen drapiert und neben dem Stall steht ein Ziehbrunnen, der sonst dort nicht zu finden ist. Für Chiara ist es nicht der erste Dreh: „Ich habe schon in einigen Filmen mitgespielt“, erzählt sie. „Das ist cool, weil man viele Leute kennenlernt und neue Welten entdeckt“, meint sie und klettert auf einen alten Holzwagen am Brümmerhof.
Chiara Vaziri  ist erst neun Jahre alt, hat aber schon reichlich Erfahrung als Filmschauspielerin.  
Das Museum als Drehort hat Regisseurin Saskia Weisheit ausgesucht.“Ich war vor Jahren schon einmal auf Motivtour hier“, erinnert sie sich. Kurzerhand habe man angefragt und sei spontan aufgenommen worden. „Wir freuen uns, dass das Museumsdorf als Hintergrund für diese Filmaufnahmen gewählt wurde. Es steigert unsere Bekanntheit und macht die Museumsarbeit lebendiger“, sagt Museumsleiter Dr. Ulrich Brohm.

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